Klinischer Überblick
Der fragmentierte QRS-Komplex (fQRS) ist ein QRS-Morphologiebefund und kein eigenständiger Rhythmus — er beschreibt zusätzliche Zacken, Kerbungen oder zusätzliche R-Zacken innerhalb des QRS-Komplexes, über die einzelne, glatte Auslenkung hinaus, die ein normaler QRS-Komplex erzeugt. Bei einem schmalen QRS-Komplex (Dauer unter 120 ms) sind die definierenden Kriterien verschiedene RSR′-Muster, eine Kerbung in der R-Zacke oder der S-Zacke, oder das Vorliegen von mehr als einer R′-Zacke (Fragmentierung), vorhanden in mindestens zwei benachbarten Ableitungen, die einem großen Koronararterienterritorium entsprechen, ohne ein typisches Schenkelblockmuster (Das et al., Circulation, 2006; Blondeel et al., Reviews in Cardiovascular Medicine, 2025). Ein eigenes Kriterium gilt, wenn der QRS-Komplex breit ist (120 ms oder mehr, wie bei einem Schenkelblock oder einem Schrittmacherrhythmus): mehr als zwei Kerbungen in der R-Zacke oder der S-Zacke in mindestens zwei benachbarten Ableitungen (Blondeel et al., 2025). Diese Seite konzentriert sich auf den Befund beim schmalen QRS-Komplex, da fQRS ausdrücklich als Befund definiert ist, der ohne ein typisches Schenkelblockmuster auftritt — beide werden unten in der Differenzialdiagnose voneinander abgegrenzt, statt als verwandte Befunde behandelt zu werden.
Mechanistisch betrachtet spiegelt fQRS eine inhomogene, ungleichmäßige ventrikuläre Depolarisation wider: Die elektrische Erregungsfront nimmt einen fragmentierten, diskontinuierlichen Weg durch das Myokard, unterbrochen durch Narbengewebe, Fibrose oder anderweitig nicht leitfähiges Gewebe, statt sich gleichmäßig durch gesundes Muskelgewebe auszubreiten (Das et al., 2006; Jain et al., Current Cardiology Reviews, 2014). Da die Erregungsfront tote oder fibrotische Segmente umgehen muss, statt sie direkt zu durchqueren, zerfällt der von der darüberliegenden Ableitung erfasste Depolarisationsvektor in mehrere kleine Auslenkungen statt in einen glatten Komplex [KLINISCHE ÜBERPRÜFUNG ERFORDERLICH: Es fehlt eine aktuelle (2021 oder neuer) Quelle, die diesen spezifischen Mechanismus des Umgehens der Erregungsfront/der Vektorverschiebung stützt] (Supreeth & Francis, Indian Pacing and Electrophysiology Journal, 2020).
fQRS ist ein Risikomarker und keine eigenständige Diagnose; seine Bedeutung hängt stark vom klinischen Kontext ab, in dem er auftritt. Bei Patienten mit bekannter oder vermuteter koronarer Herzkrankheit erkennt der fQRS beim schmalen QRS-Komplex einen zurückliegenden Myokardinfarkt mit deutlich höherer Sensitivität als eine klassische pathologische Q-Zacke — 85,6 % gegenüber 36,3 % im Vergleich zu bildgebend bestätigter Narbenbildung in einer Fallserie, mit einem Anstieg auf 91,4 % Sensitivität bei Kombination beider Marker [KLINISCHE ÜBERPRÜFUNG ERFORDERLICH: Es fehlt eine aktuelle (2021 oder neuer) Quelle, die diesen spezifischen Sensitivitätsvergleich bestätigt] (Das et al., 2006). Bei akutem Myokardinfarkt ist sein Vorliegen mit einem deutlich höheren innerklinischen Risiko für lebensbedrohliche ventrikuläre Arrhythmien assoziiert (gepoolte Odds Ratio 2,96 für den kombinierten VT/VF-Endpunkt, 3,59 für VT allein; VF allein war nicht unabhängig signifikant, OR 1,84, ansteigend auf OR 2,45 nach Ausschluss einer Studie mit hohem Verzerrungsrisiko; Metaanalyse von 14 Studien, 4.566 Patienten) (Attachaipanich et al., Indian Heart Journal, 2025). Bei Herzinsuffizienz trägt fQRS ein ähnlich erhöhtes Risiko für ventrikuläre Arrhythmien (etwa das 1,5-Fache) und für Gesamtmortalität (etwa das 1,7-Fache) (Metaanalyse von 10 Studien, 3.885 Patienten) (Engstrom et al., Annals of Noninvasive Electrocardiology, 2022). In Studien zur Korrelation mit der kardialen MRT bei mehreren Kardiomyopathien geht fQRS mit dem Vorliegen und dem Ausmaß der zugrunde liegenden myokardialen Fibrose einher, was untermauert, dass er als Oberflächen-EKG-Surrogat für eine strukturelle Narbe fungiert und nicht als isolierte elektrische Kuriosität (Bazoukis et al., World Journal of Cardiology, 2022; Silvetti et al., Frontiers in Cardiovascular Medicine, 2023). Ein isolierter fQRS, beschränkt auf eine einzelne Ableitung, am häufigsten V1, bei einem ansonsten strukturell normalen Herzen — häufig bei Sportlern zu beobachten — wurde in den bisher untersuchten Nachbeobachtungszeiträumen nicht mit unerwünschten Ereignissen in Verbindung gebracht, wobei die Autoren dieser Übersichtsarbeit anmerken, dass ein längerfristiges Monitoring weiterhin erforderlich ist, bevor er als zuverlässig gutartig eingestuft werden kann [KLINISCHE ÜBERPRÜFUNG ERFORDERLICH: Langzeit-Outcome-Daten für einen isolierten, auf eine einzelne Ableitung beschränkten fQRS bei strukturell normalen Herzen bleiben begrenzt] (Wiradinata & Qhabibi, Egyptian Heart Journal, 2026).
fQRS selbst verursacht keine Symptome — es handelt sich um einen EKG-Morphologiebefund und keine Rhythmusstörung, weshalb er häufig zufällig bei einer Routineableitung auffällt. Etwaige vom Patienten berichtete Symptome gehen auf die zugrunde liegende Erkrankung zurück, die die Fragmentierung verursacht, nicht auf das fQRS-Muster selbst: Ein Patient mit fQRS nach einem alten Myokardinfarkt kann völlig asymptomatisch sein oder lediglich eine weit zurückliegende Anamnese von Brustschmerzen berichten, während ein Patient mit fQRS bei aktiver Herzinsuffizienz oder Kardiomyopathie eher Belastungsdyspnoe, Müdigkeit oder Palpitationen berichtet, die mit dem durch den Befund angezeigten erhöhten Arrhythmierisiko zusammenhängen.
Zu den Ursachen und Risikofaktoren zählen: ein zurückliegender Myokardinfarkt mit resultierender Narbe, die am umfassendsten untersuchte Ursache [KLINISCHE ÜBERPRÜFUNG ERFORDERLICH: Es fehlt eine aktuelle (2021 oder neuer) Quelle, die diesen Ätiologiepunkt bestätigt] (Das et al., 2006); nicht-ischämische und hypertrophe Kardiomyopathie, bei der fQRS mit dem Ausmaß der myokardialen Fibrose in der kardialen MRT korreliert (Bazoukis et al., 2022; Silvetti et al., 2023); Herzinsuffizienz ischämischer oder nicht-ischämischer Genese, bei der sein Vorliegen ein erhöhtes arrhythmisches Risiko anzeigt (Engstrom et al., 2022); sowie, am unbedenklicheren Ende des Spektrums, ein isoliertes, auf eine einzelne Ableitung beschränktes Muster (insbesondere in V1), das mit sportlichem Training und zunehmendem Alter häufiger wird, ohne dass bisher eine dokumentierte ungünstige Korrelation besteht (Wiradinata & Qhabibi, 2026).
Interpretationsanleitung
Wichtige Merkmale:
- Frequenz: kein definierendes Merkmal — fQRS ist ein QRS-Morphologiebefund, der der jeweils zugrunde liegenden Frequenz überlagert ist
- Rhythmus: kein definierendes Merkmal — dieser Befund beschreibt die QRS-Morphologie, nicht den Ursprung oder die Regelmäßigkeit des Rhythmus
- P-Wellen: im Normbereich; von der QRS-Fragmentierung selbst nicht betroffen
- PR-Intervall: im Normbereich (0,12-0,20 s); die fQRS-Kriterien beim schmalen QRS-Komplex setzen eine normale QRS-Dauer und einen normalen AV-Überleitungskontext voraus, statt das PR-Intervall selbst zu beschreiben
- QRS-Komplex: das definierende Merkmal — bei einem schmalen QRS-Komplex (unter 120 ms) eine zusätzliche R-Zacke (R′), mehrere R′-Zacken oder eine Kerbung innerhalb der R-Zacke oder der S-Zacke, vorhanden in mindestens zwei benachbarten Ableitungen, die einem einzelnen Koronararterienterritorium entsprechen, ohne ein typisches Schenkelblockmuster; ein eigenes Kriterium für den breiten QRS-Komplex (120 ms oder mehr, wie bei einem Schenkelblock oder einem Schrittmacherrhythmus) verlangt stattdessen mehr als zwei Kerbungen in der R- oder S-Zacke in mindestens zwei benachbarten Ableitungen (Das et al., 2006; Blondeel et al., 2025)
- ST-Strecke: bei einem isolierten, chronischen fQRS-Befund typischerweise im Normbereich; eine neue oder sich entwickelnde ST-Streckenveränderung in Begleitung eines neuen fQRS spricht eher für einen akuten ischämischen Prozess als für eine alte, stabile Narbe
- T-Wellen: bei einem chronischen Befund typischerweise im Normbereich; eine begleitende T-Negativierung weckt den Verdacht auf einen akuten oder sich entwickelnden Prozess statt auf ein stabiles, altes Muster
- QT-Intervall: durch fQRS selbst nicht eigenständig beeinflusst
- Weitere Befunde: ein auf eine einzelne Ableitung beschränkter fQRS, am häufigsten V1, ist bei Sportlern häufig und wurde in den bisher untersuchten Nachbeobachtungszeiträumen nicht mit unerwünschten Ereignissen in Verbindung gebracht; ein fQRS, der sich über zwei oder mehr benachbarte Ableitungen erstreckt, ist das Muster, das die Literatur mit einer zugrunde liegenden myokardialen Narbe assoziiert und eine weitere Abklärung erfordert, statt als Normvariante abgetan zu werden (Wiradinata & Qhabibi, 2026)
Wichtige Ableitungen
- Keine einzelne Ableitung definiert diesen Befund — wie bei einer pathologischen Q-Zacke hängt es davon ab, welches Myokardareal betroffen ist, in welchem Territorium sich fQRS zeigt; das Muster wird anhand zusammenhängender Ableitungsgruppen beurteilt, nicht anhand einer einzelnen Ableitung (Das et al., 2006; Blondeel et al., 2025).
- Ableitungen II, III, aVF – die inferiore Ableitungsgruppe
- Ableitungen V1-V4 – die anteroseptale Ableitungsgruppe; zugleich die Gruppe, in der ein isolierter, auf eine einzelne Ableitung beschränkter fQRS (typischerweise nur V1) am häufigsten eine gutartige, sportlerassoziierte Variante darstellt statt eines Narbenmarkers (Wiradinata & Qhabibi, 2026)
- Ableitungen I, aVL, V5-V6 – die laterale Ableitungsgruppe
Differenzialdiagnose
- Pathologische Q-Zacke (AQW) — beide Befunde markieren eine zurückliegende Myokardschädigung und können auf demselben Streifen gemeinsam auftreten, spiegeln aber unterschiedliche elektrische Mechanismen wider: Eine pathologische Q-Zacke bedeutet, dass die Ableitung von einem elektrisch toten Segment überhaupt keine Depolarisationskräfte mehr erfasst, was eine einzelne tiefe oder breite initiale negative Auslenkung erzeugt, während fQRS einen noch vitalen, aber desorganisierten Leitungsweg um eine Narbe herum widerspiegelt, der zusätzliche Zacken oder Kerbungen innerhalb eines ansonsten normalen QRS-Komplexes erzeugt [KLINISCHE ÜBERPRÜFUNG ERFORDERLICH: Es fehlt eine aktuelle (2021 oder neuer) Quelle, die diese mechanistische Beschreibung bestätigt] (Das et al., 2006)
- Schenkelblock (BBB) — ein typischer Schenkelblock spiegelt eine globale Verzögerung der Erregung eines Ventrikels über seinen eigenen Erregungsleitungsschenkel wider und erzeugt eine QRS-Dauer von 120 ms oder mehr mit einer stereotypen Morphologie (rsR′ in den rechtspräkordialen Ableitungen bei einem Rechtsschenkelblock, eine breite monophasische R-Zacke in den lateralen Ableitungen bei einem Linksschenkelblock); die fQRS-Definition beim schmalen QRS-Komplex ist ausdrücklich als Befund definiert, der ohne dieses typische Muster auftritt, sodass ein verbreiterter QRS-Komplex mit klassischer BBB-Morphologie als Schenkelblock und nicht als fQRS zu werten ist (Das et al., 2006; Blondeel et al., 2025)
- Rechtsschenkelblock (RBBB) — das klassische rsR′-Muster des RBBB in V1 kann dem RSR′-Muster der fQRS-Kriterien oberflächlich ähneln; die unterscheidenden Merkmale sind die QRS-Dauer (beim RBBB 120 ms oder mehr, mit einer breiten terminalen S-Zacke in den Ableitungen I und V6, gegenüber unter 120 ms beim fQRS mit schmalem QRS-Komplex) und die Gesamtmorphologie, da die fQRS-Definition Aufzeichnungen, die klassische BBB-Kriterien erfüllen, ausdrücklich ausschließt (Blondeel et al., 2025)
- Vorderwandinfarkt (AnMI) — ein auf V1-V4 beschränkter fQRS spricht zusammen mit einem unterstützenden Q-Zacken- oder ST-Streckenmuster und einem ischämischen klinischen Bild für die spezifischere Bezeichnung Vorderwandinfarkt statt für einen isolierten, nicht territorialspezifischen fQRS-Befund
Behandlungsübersicht
Ein bei einer Routineableitung festgestellter fQRS ist ein Risikomarker und kein eigenständiger Notfall — die angemessene Reaktion hängt vom klinischen Kontext ab, in dem er auftritt, nicht allein vom Muster.
- Elektrodenplatzierung überprüfen und den Streifen wiederholen, wenn das Muster neu oder unerwartet ist, da technische Faktoren gelegentlich eine echte Fragmentierung vortäuschen können.
- Bei Verfügbarkeit mit einem früheren EKG vergleichen — ein unverändertes fQRS-Muster bei einem asymptomatischen Patienten mit bekannter kardialer Vorgeschichte ist weit weniger besorgniserregend als ein neuer Befund.
- Vermerken, ob fQRS auf eine einzelne Ableitung beschränkt ist (am ehesten vereinbar mit einer gutartigen Variante, insbesondere bei einem sportlichen oder ansonsten gesunden Patienten) oder sich über zwei oder mehr benachbarte Ableitungen erstreckt, die einem Koronarterritorium entsprechen (eher vereinbar mit einer zugrunde liegenden Narbe) (Wiradinata & Qhabibi, 2026).
- Bei einem Patienten mit bekannter koronarer Herzkrankheit, Kardiomyopathie oder Herzinsuffizienz einen neuen oder ausgeprägten fQRS dem behandelnden Arzt melden, da er in diesen Populationen mit einem erhöhten Risiko für ventrikuläre Arrhythmien und Mortalität assoziiert ist, und den Patienten gemäß Stationsprotokoll unter kontinuierlichem Rhythmusmonitoring belassen (Attachaipanich et al., 2025; Engstrom et al., 2022).
- Ein fQRS in Begleitung einer neuen ST-Strecken- oder T-Wellen-Veränderung oder von Symptomen wie Brustschmerzen, Dyspnoe oder Palpitationen erfordert eine umgehende Benachrichtigung des behandelnden Arztes statt einer reinen Routinedokumentation.